Anlässlich der deutschen Erstaufführung des bislang letzten Filmes von HARTMUT BITOMSKY, dem fast dreistündigen eindrucksvollen Essay „Shakkei – Geborgte Landschaften“ *), der heute und morgen – in Anwesenheit des seit Kurzem in München wohnenden Filmemachers – im WERKSTATTKINO gezeigt wird, freuen wir uns Ihnen die Monografie vorzustellen, die schon lange Zeit überfällig war, nun im Verlag SYNEMA-Publikationen erschienen ist und Bitomskys beeindruckendes Gesamtwerk reflektiert. Der Autor, Frederik Lang, hat an der der Freien Universität Berlin mit dieser Dissertation summa cum laude promoviert.
HARTMUT BITOMSKY. DIE ARBEIT EINES KRITIKERS MIT WORTEN UND BILDERN
„Wenn die Kamera etwas aufnimmt, dann kann man das mit einem osmotischen Vorgang vergleichen.
Was vor der Kamera zu sehen gewesen war, ist übergegangen auf den Film. In diesem Sinne stelle ich mir das Kino vor als das Exil der Realität, die fremde Heimat der Wirklichkeit.“ (Hartmut Bitomsky)

Hartmut Bitomskys Œuvre, das hier erstmals in seiner Gänze vorgestellt wird, umfasst mehr als vierzig Filme, darunter die dokumentarischen Essays „Highway 40 West“, „Deutschlandbilder“, „Reichsautobahn“, „Der VW Komplex“, „Das Kino und der Tod“. Es ist ein umfangreiches und mitunter heterogenes Werk, dem oft vorschnell die Labels „dokumentarisch“ oder „Essayfilm“ aufgedrückt wurde, ohne nach den spezifischen Verfahrensweisen der einzelnen Filme zu fragen.
1942 geboren, wurde Bitomsky in der Zeit um 1968 im Filmemachen ausgebildet und zeitgleich politisiert. Auf die an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) entstandenen Studentenarbeiten folgte der Versuch, mit marxistischen Lehrfilmen zu agitieren und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Bereits Ende der 1960er-Jahre beginnt er damit, ein film- wie bildkritisches Instrumentarium zu entwickeln, das sein Werk bis in die Gegenwart prägen wird und den Ansatzpunkt für diese Untersuchung der Arbeit mit Worten und Bildern darstellt. Die dort entwickelte Figur des „Kritikers“ umfasst Bitomskys methodische Herangehensweise ebenso wie die Tatsache, dass er sich von Anfang an immer auch als Person, als Figur, als Konstrukt eines Autors in seine Werke eingebracht hat.
Bitomskys ursprüngliches Ziel, Spielfilme zu inszenieren, ließ sich nur sehr bedingt realisieren, einzelne Fernseharbeiten bilden eher Randerscheinungen der Filmografie, die aber nicht weniger aussagekräftig sind. Ab den 1970er-Jahren stellte er vor allem filmkritische und filmvermittelnde Sendungen für den WDR her; über John Ford, Humphrey Jennings, das frühen Kino; hinzu kommen zahlreiche Texte, die er vor allem zwischen 1974 und 1984 in der Zeitschrift „Filmkritik“ veröffentlichte.
Der Film „Deutschlandbilder“ stellt einen End- und Wendepunkt dar, von dem an sich die Kritik stärker zu einem analytischen Eingreifen in das Material hin verschiebt; eine Arbeitsweise, die Bitomsky bei Filmen wie „Das Kino und der Tod“ und „Das Kino und der Wind und die Photographie“ fortführen wird. Den Höhepunkt bilden die als Fortsetzung von „Deutschlandbilder“ entstandenen Filme „Reichsautobahn“ und „Der VW Komplex“ – die retrospektiv mit dem Namen „Deutschlandtrilogie“ zusammengefasst werden.
Detaillierte Einblicke in dieses umfangreiche Œuvre, vielgestaltiges Bildmaterial sowie ein zusätzliches Text- und Werkverzeichnis runden die stimmige Publikation ab.
Frederik Lang
Hartmut Bitomsky. Die Arbeit eines Kritikers mit Worten und Bildern
Hardcover, 302 Seiten, 80 Fotos in Farbe und Schwarzweiß
Grafische Gestaltung: Gerhard Spring
SYNEMA-Publikationen (Wien) 2020
ISBN 978-3-901644-83-2, Preis: € 28.-
Im stationären Buchhandel erhältlich oder Bestellungen gerne auch direkt bei: office[at]synema.at
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DIENSTAG, 28.11. und MITTWOCH, 29.11. 2023 jeweils um 20.00 Uhr Werkstattkino, Fraunhoferstraße 9, 80469 München
Als Prolog zur großen HARTMUT BITOMSKY-RETROSPEKTIVE im Januar (11.–21.1.2024) zeigt das Werkstattkino in deutscher Erstaufführung:
SHAKKEI – GEBORGTE LANDSCHAFTEN (D 2010-2017)
Regie, Buch: Hartmut Bitomsky; Kamera: Rebecca Baron, Yakim Humbrott, Mike Jarmon, Chris Laine, Kolja Raschke, Volker Langhoff; Ton: Jochen Jezussek; Schnitt: Theo Bromin. 175 Minuten.
«Reflexionen über das Recyceln, von den Schauplätzen der Rüstungsindustrie in den USA über die Trümmer, die neue Fundamente der deutschen Wirtschaftsmacht wurden, bis zu gewaltigen Monsoonregen in Vietnam: Inspirieren ließ sich Bitomsky – der auch Material aus seinen früheren Arbeiten wie „B-52“ (2001) oder „Staub“ (2007) hier recycelt – vom Begriff „Shakkei“ aus der japanischen Gartenarchitektur. Dieser bezeichnet den Versuch, Elemente der umgebenden Landschaft als Blickperspektiven einzubauen, wodurch „geborgte Landschaften“ entstehen.» (Falter)
Hartmut Bitomsky: „Ähnlich sehe ich meinen Film in der Nähe von anderen Projekten. Hier wird versammelt, was ursprünglich verschmäht und nicht verwendet worden ist, weil es unbrauchbar oder schon benutzt schien oder weil man noch nicht wusste, wo es hingehört. Vielleicht war es auch bereits zu sehen, aber nun ist eine weitere Betrachtung aufgetaucht, und man kann es auf eine neue Weise anschauen.“
Indem der Filmemacher Material aus seinen beiden frühen Essays recycelt, wird es zum found footage in neuem Kontext. Einem Kontext, der an Neuem beispielsweise rare Aufnahmen vom in Nevada gelegenen nuklearen Testgelände NTS bereithält. Und der die Frage aufwirft, ob Recycling, das nicht die Unterbrechung, sondern die Kontinuität eines Zyklus’ zum Ziel hat, der immer auch ein Verwertungszusammenhang ist, nicht zumindest zum Teil zur Kategorie der pessimistischen, kritisch zu sehenden Begriffe gehört.
In Anwesenheit von Hartmut Bitomsky.
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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, Sektion IV: Kunst und Kultur/Abt. 3: Film – geförderte Institution.
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