Filmarchiv Austria & SYNEMA present RETROSPEKTIVE – Wiederentdeckt – BERNHARD FRANKFURTER


Filmarchiv Austria & SYNEMA
laden mit großer Freude zur Retrospektive »BERNHARD FRANKFURTER« von 17. Februar bis 3. März ins Metro Kinokulturhaus ein, um in der – von Brigitte Mayr und Michael Omasta kuratierten – lebensnahen Werkschau die Möglichkeit zu bieten, dokumentarische Arbeiten dieses bemerkenswerten Filmemachers wiederzuentdecken, dessen Aufmerksamkeit stets brisanten politischen wie verdrängten historischen Themen galt. Er erkundet in fundiert recherchierten Features marginalisierte Bereiche des Alltags, zeichnet ebenso charmant wie kritisch Lebenswege nach, von denen wir auch heute noch vieles lernen können. Er schafft Dokumentationen, die ihrer Zeit voraus waren, gerade weil sie so präzise in ihr verhaftet sind. Frankfurter hat Filme gedreht, die wiederaufgeführt und wieder angesehen werden sollten. Im Kino, für das er mit Herz, Hand und Hirn gelebt hat. (bm).

DER UNBEQUEME von Brigitte Mayr

Bernhard Frankfurter hat sich als Filmregisseur, als kritischer Autor und Essayist in der österreichischen Medienlandschaft der 1970er- und 80er-Jahre einen Namen gemacht. Als Publizist für politische Magazine, als leidenschaftlicher gewerkschaftlicher Streiter für die freien Mitarbeiter*innen des ORF, als Mitbegründer des „Syndikats der Filmschaffenden“ und Vordenker einer staatlichen Filmförderung.

Frankfurter – 1946 in Graz geboren, 1999 in Wien gestorben – , studiert Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Wien, veröffentlicht linksliberale Manifeste, wird während eines Paris-Stipendiums 1969 politisch sozialisiert und fokussiert seine Augenmerk seither auf aktuelle wie verdrängte historische Themen. Er bricht das Studium ab, wird Redakteur des eben gegründeten Wochenmagazins profil, schreibt für die Arbeiter-Zeitung und das Extrablatt. 1972 folgt eine Anstellung beim ORF, wo er über die Jahre an etlichen Dokumentationen, Features und Magazinbeiträgen beteiligt ist.

Das Programm der Retrospektive präsentiert eine Auswahl seiner weithin in Vergessenheit geratenen filmischen Arbeiten. Sie zeigen eine große Vielfalt und das feine Gespür des Regisseurs für soziale Schieflagen, wenn er ausbeuterischer Akkordarbeit, prekären Wohnverhältnisse oder dem Wandel der österreichischen Industrielandschaft nachgeht. Ein weiterer Themenkreis, dem er sich zuwendet, ist die Zeit wie auch das Erbe des Nationalsozialismus: Ob im zweiteiligen Generationen-Porträt Am Beispiel 33/38, in On the Road to Hollywood, wo er den Spuren vertriebener Regisseure, Autoren, Schauspieler*innen in die Emigration folgt, oder mit SS-Nr. …, in dem er das Gespräch mit einem ehemaligen KZ-Arzt aus Auschwitz dokumentiert.

Die Retrospektive, die Bernhard Frankfurters wichtigsten Arbeiten wieder sichtbar macht und zur Diskussion stellt, umfasst zwölf Filme, die sein unbändiges Interesse an gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Soziotopen veranschaulichen. Jedes Programm wird von einer Einführung begleitet, zwei sind gerahmt von vertiefenden Gesprächen mit Wegbegleiter*innen des Filmemachers.

Die verdiente Anerkennung ist diesem Autor und Regisseur, der als schwierig und unbequem galt, zu Lebzeiten oft verwehrt geblieben. Nehmen wir, das Publikum, sein Engagement auf, sehen wir uns seine Filme an, tragen wir weiter, was er erzählen wollte, seien wir, wie Günter Eich es in einem Gedicht formulierte, unbequem, seien wir der „Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“. Das wäre ganz im Sinne des Filmemachers!

»Wiederentdeckt: BERNHARD FRANKFURTER«
RETROSPEKTIVE von 17. Februar bis 3. März 2025

Eine Kooperation von
SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien & dem FILMARCHIV AUSTRIA
mit freundlicher Unterstützung des ORF-Archivs

im METRO Kinokulturhaus, Johannesgasse 4, 1010 Wien.

 

Mo, 17.2. 19 Uhr + 26.2. 19 Uhr
ON THE ROAD TO HOLLYWOOD (1982, 101 m)
Eröffnung der Retrospektive am 17.2. mit einer Einführung von Brigitte Mayr und Michael Omasta

Auf den Spuren der Geschichte, des Überlebens und des Kinos. Eine filmische Detektivarbeit, die den Wegen der in den Jahren 1933 respektive 1938 vertriebenen Regisseure, Autoren, Schauspielerinnen und Schauspieler in die Emigration folgt. On the Road to Hollywood ist ein Versuch, die „Erfahrung des Exils“ in Bildern und Tönen zu dokumentieren, eine filmische Recherche über die deutschsprachige Filmemigration. Bernhard Frankfurter hat Zeitzeugen, Vertriebene wie Täter, dafür ausgeforscht, besucht und interviewt: in Wien, London, Berlin, Prag, New York sowie – als extreme Gegenpole – Theresienstadt und Hollywood. „Es ist ein wütendes, ein melancholisches, ein ernstes und ein mutiges Stück Film geworden“, schrieb die zeitgenössische Presse über dieses Pionierwerk – „und somit auch ein riskantes, angreifbares.“ (mo/bm)

Do, 20.2. 18:30 Uhr + 28.2. 18 Uhr
ALLTÄGLICHE SZENEN VON ULI UND HARDY (1976, 24 m)
EIN KÄMPFERISCHES LEBEN – RUTH MAYENBURG (1974, 55 m)
Einführung am 20.2. von Michael Omasta

Zwei hochpolitische Fernseharbeiten. Zunächst das Porträt zweier Teenager für die Sendereihe Prisma. Uli, die Adventistin, und Hardy, der Streber, gehen beide in eine 7. Klasse im Wiener Gymnasium Stubenbastei. Uli ist mit 15 von zuhause ausgezogen, lebt mit einem älteren Mann zusammen und bewundert Hitler für seinen „Idealismus“; Hardy kann nichts Faszinierendes daran finden, sondern hält das Führerprinzip für gefährlich. – In der anschließenden Reihe Zeugen unserer Zeit blickt Ruth Mayenburg – einst führende Kommunistin, nunmehr „eine kritische Linke ohne Partei“ –, auf ihr bewegtes Leben zurück. Großartig formulierend erzählt diese energische Frau mitreißend vom antifaschistischen Widerstand, den Schrecken des Stalinismus und ihrer tiefgehenden Sozialisierung im Roten Wien: „Ein politischer Mensch bin ich kurz vor dem 12. Februar 1934 geworden.“ (mo)

 

Do, 20.2. 20:30 Uhr + 2.3. 18 Uhr
ASYL – SZENEN AUS EINEM MILIEU (1973, 29 m)
ERZ SCHMERZ (1984, 51 m)
Mit einer Einführung am 20.2. von Brigitte Mayr und einem Gespräch nach dem Film mit Andrea Christa (Regieassistenz bei Erz Schmerz)

Zum Auftakt: Schauplatz von Asyl, einer aufwühlenden Folge aus der Sendereihe Impulse, ist ein übel beleumundetes Barackenlager in Graz, dessen Bewohner*innen zu Wort kommen. Dort hausen Großfamilien in einem einzigen Zimmer, bis zur nächsten Wasserleitung sind es 30, bis zum Klo 100 Meter. – Rings um Eisenerz in der Steiermark stirbt eine jahrtausendalte Arbeitsform, der Erzberg. Frankfurter dokumentiert präzise den Schmerz, den der Wandel der Industrie im Grubenabbau – Wirtschaftskrisen und Kriege überdauernd – in die Gewerke, ihre Familien und selbst in die ausgemergelte Landschaft gerissen hat. Er zeigt aber auch das Herz, mit dem die Eisenerzer*innen an ihrem Berg hängen, dem „steirischen Brotlaib“, der sie so lange ernährt hat. (bm)

 

Fr, 21.2. 18:30 Uhr + 27.2. 20 Uhr
DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES (1978, 87 m)
Einführung am 21.2. von Brigitte Mayr

Während Frankfurter den befreundeten Maler Franz Ringel (1940–2011) mit der Kamera über drei Monate bei der Arbeit im Atelier und beim Leben begleitet, entsteht ein Film, der heißt wie das 170×280 große Tafelbild. Die tiefschürfende Auseinandersetzung mit Künstler und Werk zeigt den Schaffensprozess nicht losgelöst vom Alltag, sondern fragt danach, was ihn antreibt und wie das Gemälde gemacht ist. Frankfurter ist ein außergewöhnlich dichter, warmherziger Film gelungen. Der Regisseur spricht mit Ringel über die bereits gedrehten Aufnahmen und wie dieser die gemeinsame Arbeit erlebt hat. Dem Dreh hat er zugestimmt, weil ihn der Zugang des bewegten Bildmediums zur Malerei mehr interessiert als noch ein weiterer Katalog: „A Buach blattelt ma um, oba an Füm kannst ned umblatteln.“ (bm)

 

Fr, 21.2. 20:30 Uhr + 1.3. 18 Uhr
SS-NR. … – Ein SS-Arzt in Auschwitz (1984, 76 m) + Gespräch Michael Pilz 
Mit einer Einführung am 21.2. von Michael Omasta und einem Gespräch nach dem Film mit Michael Pilz (Kamera, Produktion)

In diesem „Kamingespräch“ der anderen Art trifft der durch fundierte Recherchen im KZ bestens vorbereitete Regisseur auf den weißhaarigen Hausherrn Hans Wilhelm Münch, der Leiter des Hygieneinstitutes der Waffen-SS im Vernichtungslager Auschwitz war und Verfügungsgewalt über Hunderte Häftlinge hatte, an denen er, wie sein Kollege Mengele, „medizinische“ Experimente durchführte. Was der Herr Doktor im jovialen Plauderton von sich gibt, ist schwer zu ertragen, doch Frankfurter hält – wie in einem Verhör – dagegen, lässt Münch in seinem „emotionalen Gedächtnis“ kramen, hakt immer wieder nach, interessiert sich nicht nur für die hard facts, sondern auch für Persönliches, den Umgang mit Schuld und Verantwortung. „Ein Dokument von größter Bedeutung“, meinte Leon Zelman, „ein Zeitzeuge von der anderen Seite – das hat es noch nie gegeben.“ (bm)

 

Sa, 22.2. 18 Uhr + 3.3. 19 Uhr
WIE SAND AM MEER – Familiennotizen aus Urlaub und Alltag (1976, 62 m)
Einführung am 22.2. von Michael Omasta

Familiennotizen aus Urlaub und Alltag lautet der Untertitel zu dieser Analyse des Freizeitverhaltens von Österreicher*innen in der Kreisky-Ära. Frankfurter begleitet vier Familien an die italienische Adria, lässt die Väter, Mütter und Kinder zu Wort kommen. Für die Frauen dominieren auch im Urlaub alltägliche Routinen: Man muss in der Freizeit dieselbe Arbeit machen wie Zuhause. Für den Lithografen Masa hingegen, eine Art intellektueller Mundl, ist Bibione ein Graus: Er braucht Kultur, würde gern so leben wie Alexis Zorbas und stimmt das Arbeiterlied Bandiera rossa an. Ein Exkurs über die Amateurfilmwut der 1970er – Off-Kommentar: „Nicht mehr das Erlebnis zählt, sondern die Archivierung des Lebens im Bild“ usw. – mutet angesichts der digitalen Selbstentäußerung der Gegenwart zugleich visionär und nostalgisch an. (mo)

 

So, 23.2. 20 Uhr + 28.2. 20 Uhr
AM BEISPIEL 33/38 – ZWISCHENBILANZ EINER GENERATION 1 (1973, 71 m)
kurze Pause
AM BEISPIEL 33/38 – ZWISCHENBILANZ EINER GENERATION 2 (1973, 83 m)
Einführung am 23.2. von Michael Omasta

Ein zweiteiliger Interviewfilm, Frankfurters erste Großtat: 13 Menschen aus Österreich und vier aus Deutschland, alle 1933 oder 1938 geboren, reflektieren stellvertretend für eine Generation darüber, ob und wie die Geschichte sie geformt hat. So unterschiedlich Herkunft und Lebenswege der Befragten sind– vom Kranführer aus Linz über die Hausfrau aus Wien und den Schuldirektor aus Tirol bis zur Verlagslektorin aus Salzburg, ihre Erfahrungen mit Schule und Elternhaus ähneln einander durchaus: Da wie dort wurde die NS-Zeit totgeschwiegen, jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit so auf ihre Generation abgewälzt. „Der Österreicher hat ein gestörtes Verhältnis zur Geschichte“, bringt der bekannte Journalist Kurt Wimmer im Interview auf den Punkt, was zum Lebensthema des jungen Filmemachers Bernhard Frankfurter werden sollte. (mo)

 

Mo, 24.2. 20 Uhr + 1.3. 18 Uhr
FRAUEN VON G. (Gaming) (A 1977, 26 m)
RENATE D. – Psychogramm einer Frau (A 1978, 46 m)
Einführung am 24.2. von Brigitte Mayr

In einer Sportbekleidungsfirma im niederösterreichischen Gaming arbeiten an die hundert Frauen unter prekären Bedingungen im Akkord. Die Näherinnen erzählen von extremem Stress, von unrealistisch vorgegebenen Stückzahlen, vom Kampf, endlich einen Betriebsrat durchzusetzen. Frankfurter bildet für die TV-Reihe Prisma all das mit feinem Gespür für soziale Schieflagen ab, denn die Frauen „fertigen, was sie niemals kaufen werden“, kostet ein Ski-Overall doch ein Monatseinkommen. – Anschließend geht der Filmemacher am Beispiel einer Modeverkäuferin in der SCS, Österreichs größtem Konsumtempel, der Frage nach, inwiefern es ein „richtiges Leben im falschen“ geben kann: Renate D., geboren 1947, seit elf Jahren verheiratet, Mutter einer Tochter und glücklich – doch die Zweifel daran mehren sich. (bm)

 

Mehr zu den genauen Credits der Filme und Kartenreservierungen unter https://www.filmarchiv.at/de/kino/filmreihe/sg_02yvYszMSbRhKuxdgvFphK

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Erlauben Sie uns in diesem Zusammenhang auch den Hinweis auf die jüngst in der Österreichischen Exilbibliothek erschienene DVD-Edition des Films ON THE ROAD TO HOLLYWOOD mit ausführlichem Booklet:

ON THE ROAD TO HOLLYWOOD © Bernhard Frankfurter, 1982
DVD, 101 Minuten, Farbe, Originalmaterial: 16 mm
Booklet mit 28 Seiten und 19 Fotos.

Herausgegeben von Brigitte Mayr und Michael Omasta
SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien | Nachlass Bernhard Frankfurter
im Auftrag der Österreichischen Exilbibliothek
Koordination: Veronika Zwerger

Mitwirkende in der Reihenfolge ihres Auftretens: Walter Reisch, Ludwig Gesek, Edda Tasiemka, Hannah Norbert-Miller, Rudolph Cartier, Friedrich Kahlenberg, Ivan Vojtěch Frič, František Lukáš, Lotte Stein, Johanna Hofer- Kortner, Fritz Hippler, Curt Trepte, Herman G. Weinberg, Paul Falkenberg, Fred Spielman, Marta Feuchtwanger, Paul Henreid, Lisl Reisch und natürlich Bernhard Frankfurter

Verlegerin: Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur
Zirkular, Sondernummer 137, Wien (2024), ISBN: 978-3903103-37-5

Zu beziehen unter: https://www.literaturhaus-wien.at/das-haus/shop/publikationen/

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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – von der Sektion IV: Kunst und Kultur / Abt. 3: Film des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport – geförderte Institution.

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