Nehmen Sie bei der diesjährigen VIENNALE alert die Gelegenheit wahr, um Romuald Karmakars großartigen Dokumentarfilm DER UNSICHTBARE ZOO zu sehen, der über die vier Jahreszeiten hinweg vom Kosmos des Lebens, der Arbeit, der Tiere und der Besucher*innen in einem der führenden zoologischen Gärten Europas erzählt. Beide Vorführungen in Anwesenheit des Regisseurs.
DER UNSICHBARE ZOO
Romuald Karmakar,
Deutschland 2024
178 min, OmenglU
» Auf dem Gelände des Zoos Zürich verwandeln Arbeiter den braunen Boden in eine Savannenlandschaft mit Baobabs aus Beton als Futteranlage und Lagerraum. Eine „Szenografie der Wildnis“ entsteht hier, wie Kunsthistorikerin Christina Katharina May diese mit Sinn fürs Detail gestaltete Tieranlage nennt, eine Kombination aus reduzierter Architektur und naturnahem Erscheinungsbild – zentraler Baustein im Bemühen des Zoos, sich unsichtbar zu machen. Über die Jahreszeiten hinweg erzählt Romuald Karmakars Film vom Leben und der Arbeit eines der führenden zoologischen Gärten Europas. Gezeigt wird der Aufwand, der der Illusion von Unsichtbarkeit vorausgeht, sowie der logistische Apparat, der den Tiergarten am Laufen hält. Gezeigt werden auch die Tiere, die als Attraktion herhalten. Durch die Sichtbarmachung eines komplexen Netzwerkes von ökonomischen und ethischen Fragen, die den Zoo formen, dessen also, was in der Tat meist unsichtbar bleibt, weitet dieser dreistündige Zoo-Film das Gezeigte zur Reflexion über das Verhältnis von Mensch und Tier aus: als Spiegelung und „momentane imaginäre Beziehung“ (Sabine Nessel). Das Porträt einer Institution – der Moderne, der Gegenwart. « (Berlinale Forum, 2024)
So, 20.10.2024, 20.00 Uhr (Urania)
Di, 22.10.2024, 15.30 Uhr (Metro Kino Kulturhaus, Historischer Saal)
In Anwesenheit von Romuald Karmakar
https://www.viennale.at/de/gast/romuald-karmakar
TICKETS https://www.viennale.at/de/film/unsichtbare-zoo
TRAILER https://www.romuald-karmakar.de/
*) Foto: Westlicher Flachland-Gorilla, weiblich, Affenhaus, Zoo Zürich, 2018
Romuald Karmakar © Pantera Film GmbH
KOMMENTAR DES REGISSEURS
» Das Kino meiner Träume, dachte ich, darf es nicht geben, ich würde aufhören, danach zu suchen. In den acht Jahren, in denen ich an diesem Film gearbeitet habe, das Budget war auf 50 Drehtage und vier Jahreszeiten ausgerichtet, musste ich oft an Mendel Singer denken, die Hauptfigur in Joseph Roths „Hiob“, der nach dem Verlassen seiner russischen Heimat in New York zuerst seine Familie, dann seinen Glauben und am Ende sich selbst verliert. Er sei nur noch der Rest von Mendel Singer, sagte er da.
Der Schneideraum ist auch ein gefährlicher Ort. Übermüdet saß ich wieder vor den Mustern aus dem Stall der Mongolischen Wölfe und starrte auf das Fleisch, das die Tierpflegerin ausgelegt hat. Sie haben die Kamera gerochen, das Ungewohnte in ihrem Rückzugsraum und lieber das Futter den Fliegen überlassen, als uns einen Gefallen zu tun. Meine Verzweiflung jedoch war erst dann spürbar, als ich die Fliege in meinem Zimmer von denen im Stall nicht mehr unterscheiden konnte. Ich legte den Kopfhörer ab, ließ den Ton über die Lautsprecher laufen und versuchte, für klare Verhältnisse sorgen. Die Fliege war keine Kleinigkeit und ich brach die Arbeit ab. Beim Einschlafen habe ich tatsächlich an Brecht denken müssen und mir gewünscht, er hätte sein Gedicht vom Zweifler nie veröffentlicht.
Am nächsten Tag lasse ich mich von einem Blaupunktrochen verzaubern, ein hidden treasure. Im Quarantänebecken des Zoo-Aquariums konnten wir es von unten filmen. Man lernt über diese Tierart, wie alt sie ist und glaubt, wenn es senkrecht nach oben schwimmt, einen Vogel im Wasser zu sehen. Man ist überrascht, wie die verschiedenen Einstellungsgrößen die tatsächlichen Verhältnisse umdeuten, man freut sich, dass es die eigene Kamera war, die einen austricksen wollte und dankt dem Schnitt, mit seinen checks und balances die Sequenz voran gebracht zu haben.
Endlich fühlt man sich bereit, von den 6500 Einstellungen, die wir gedreht haben, das schwierigste Material anzugehen, die Szenen mit den Phasmiden. Diese Insekten schützen sich, anders als leuchtstarke Pfeilgiftfrösche, über die Perfektion ihrer Tarnung, dadurch sind sie aber auch tödlich für andere. Bei den Dreharbeiten gab es keinen anderen Ort, an dem sich die Begeisterung der Besucher über das Nichtsehen, das Nichterkennen können, so verdichtet hat, wie vor diesem Terrarium von 1×2 Metern. Die Gespenstschrecke sah aus wie ein Ast, das Wandelnde Blatt glich der Wandlung einer Pflanze. Die Täuschung und Die Erkenntnis in ein Bild, eine Einstellung oder gar in einem magischen Moment festzuhalten blieb immer eine Herausforderung. An diesem Abend konnte der Schnitt uns nicht unterstützen.
Noch im Halbschlaf lese ich, wie mittlerweile 700 Affenarten bestimmt werden können, vor 50 Jahren waren es noch 250. Ich denke an die 500 Tiere, die Aristoteles, der Begründer der Zoologie, vor über 2000 Jahren beschrieben hat. Ich denke an das Höhlengleichnis seines Lehrers, die erste Beschreibung eines Kinoerlebnisses in unserer Kultur. Ob die filmische Realisierung des Gleichnisses einfacher sein würde als die Szene mit dem Wandelnden Blatt, will ich noch wissen.
Nein, ich fürchte mich nicht vor den Vorsokratikern, die noch zu entdecken sind. Ich vertraue ihnen bereits, denn sie wußten, dass Blitz und Donner nicht dem Zorn des Zeus geschuldet sind. Mit ihrer unerschöpflichen Neugier haben sie zweihundert Jahre lang immer wieder die Erde auf den Kopf gestellt, nach den Ursprüngen gesucht, uns vom Werden und Vergehen erzählt. Wie leichtfertig tauschen wir heute diesen Wert gegen ein Regalsystem, in das alles eingeordnet werden muss. Viele gehen dieser Arbeit täglich gerne nach. Das beruhigt, entlastet, es dient aber nicht dem Verstehen, es vernichtet die Vielfalt. Endlich bin ich weg, träume von einer großen, wirklich freien Handelszone der Ambiguität, in der sich die Kunst, mit dem Film als schönes Mittel, gegen die Vereindeutigung der Welt stellt. « (Romuald Karmakar, Januar 2024)
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Und hier unsere LEKTÜRE-EMPFEHLUNG in eigener Sache:

Ganz direkt, sehr gegenwärtig: Romuald Karmakars Werk steht im deutschen Kino einzigartig da – und quer zu fast allem, was andere so denken, machen, filmen. Immer wieder lässt sich der Regisseur auf „unmögliche“ Menschen und auf Grenzsituationen ein: auf Söldner (Warheads), eine berüchtigte Rede aus der Nazizeit (Das Himmler-Projekt), den Terror einer Paarbeziehung (Die Nacht singt ihre Lieder), die Verhöre eines Serienmörders (Der Totmacher) oder auf die Erfahrung von Techno und elektronischer Musik, wie in seinem aktuellsten Film Denk ich an Deutschland in der Nacht (2017).
Der internationale Erfolg, den Karmakar 1995 mit Der Totmacher feierte, täuscht über den Reichtum seines gewaltigen Oeuvres ebenso hinweg wie die Verständnislosigkeit, die wenig später Meisterwerken wie Manila (2000) oder Die Nacht singt ihre Lieder (2004) bei ihrer Premiere entgegenschlug. Jede neue Arbeit ist eine Herausforderung, für den Filmemacher wie für die Zuschauer.
Das vorliegende Buch stellt Karmakars bisheriges Schaffen zum ersten Mal in seiner Gesamtheit dar. Ein großer Essay und Gespräche, eine kommentierte Filmografie und ausgewählte Texte des Künstlers, darunter Treatments und Drehbuchentwürfe zu nicht realisierten Filmen, geben Einblick in sein filmisches Denken.
ROMUALD KARMAKAR
Hrsg. von Olaf Möller und Michael Omasta
Band 13 der FilmmuseumSynemaPublikationen
Broschur, 256 Seiten, 90 Fotos
SYNEMA Publikationen (Wien) 2010
ISBN 978-3-901644-34-4, Euro 20.-
Erhältlich im niedergelassenen Buchhandel oder gerne direkt bei: office[at]synema.at
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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – von der Sektion IV: Kunst und Kultur / Abt. 3: Film des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport – geförderte Institution.
