Filmarchiv Austria & SYNEMA
laden mit großer Freude am 2. April 2024 im Rahmen der Retrospektive LEADING LADIES OF THE SILENT CINEMA*) ins METRO Kino Kultur Haus, um die, als Käthe Weiß in Wien geborene, spätere Schauspielerin und Filmproduzentin Ellen Richter, einen der produktivsten und populärsten Stars des Weimarer Kinos, in einer kleinen Einführung zu würdigen, und im Anschluss gemeinsam auf großer Leinwand mit ihr in der Hauptrolle eine rasante Filmkomödie zu goutieren, in der in einem verschlafenen Nest die Honoratioren eines Sittlichkeitsvereins durch die gastierende weibliche Revuetruppe Zucht und Ordnung gefährdet sehen.
MORAL (Deutschland 1928)
Regie: Willi Wolff. Drehbuch: Willi Wolff, Robert Liebmann, Bobby E. Lüthge nach dem gleichnamigen Lustspiel von Ludwig Thoma. Mit Ellen Richter, Jakob Tiedtke, Ralph Arthur Roberts, Julius Falkenstein, Harry Halm, den Tiller Girls. Produktionsfirma: Ellen Richter Film GmbH (Berlin). s/w, stumm, dt. Zwischentitel, 81 Min.
Ellen Richter als Ninon de Hauteville, ein berühmter Revuestar, in dessen selbstbewusstem Auftreten die sittenstrengen Bürger einer Kleinstadt eine Gefahr wittern. Man vertreibt sie von der Bühne, stattet ihr aber privat sehr wohl Besuche ab und macht ihr Avancen. Die Künstlerin wehrt sich, fertigt mit einer kleinen Handkamera heimlich Filmaufnahmen an und enttarnt die Moral so als Doppelmoral. Eine Paraderolle für Richter – fesch, forsch, verführerisch und selbstbewusst. Oft hat sie in ihren Produktionen die Rolle der Frau in der Gesellschaft thematisiert. Ehemann Willi Wolff trug als Regisseur und Co-Drehbuchautor zum Erfolg bei, indem er das Stück von Ludwig Thoma zur schmissigen Satire voller Situationskomik und Dynamik machte.
Mit Live-Musikbegleitung von Heidi Fial, freiberufliche Instrumentalistin, Komponistin und in der manuellen Film-Restaurierung tätige Mitarbeiterin des FAA.
Vor dem Film in Kooperation mit SYNEMA:
Eine Einführung von Brigitte Mayr und Michael Omasta, in der wir den biografischen Spuren dieser beeindruckenden Persönlichkeit folgen wollen:
Die 1891 als Tochter des aus Ungarn stammenden jüdischen Schneidermeisters Jakob Weiß und seiner Ehefrau Rosa in Wien geborene Ellen Richter wirkt nach einer Schauspielausbildung ab 1913 in einer Vielzahl populärer Filme mit und steigt schnell zu einer der erfolgreichsten Darstellerinnen des (noch stummen, aber dennoch atemberaubenden) deutschen Sensations- und Abenteuerkinos auf. 1920 kann sie ihre eigene Produktionsgesellschaft gründen und fortan ihre Filme – alles in allem werden es unglaubliche 70 an der Zahl sein – unter dem unabhängigen Label Ellen Richter Film GmbH drehen, meist mit Ehemann Willi Wolff als Drehbuchautor und Regisseur an ihrer Seite.
1935 müssen beide vor den Nationalsozialisten nach Wien fliehen, nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 weiter nach Frankreich. Ein Affidavit von Ernst Lubitsch ermöglicht ihnen 1940 die Emigration in die USA. Richters Mutter und ihre ältere Schwester sterben im Konzentrationslager.
Nach Willi Wolffs Tod in Nizza zu Beginn einer gemeinsamen Europareise im April 1947 kehrt Ellen Richter nach Deutschland zurück, wo sie zwar ihre alte Firma neu gründet, aber bis zu ihrem Tod 1969 in Düsseldorf nach dem erzwungenen Ende ihrer Karriere durch die Nazis nie wieder für den Film arbeitet.
Dienstag, 2.4.2014, 18:45 Uhr
Metro Kinokulturhaus, Historischer Saal
Johannesgasse 4, 1010 Wien.
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*) Retrospektive LEADING LADIES OF SILENT CINEMA: Part 5: Fight for your Right
Schon seit Jahrhunderten kämpfen Frauen um das Recht, an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen und am Kulturbetrieb im Allgemeinen teilzuhaben. Mit Beginn des Films fanden feministische Strömungen wie die Suffragetten-Bewegung auch ihren Weg auf die Leinwand. In dieser Reihe, kuratiert von Bianca Jasmina Rauch und Florian Widegger, blicken wir auf die Kino-Kämpferinnen der ersten und zweiten Welle – sowohl im Stummfilm als auch im neueren Spielfilm.
Detaillierte Infos zur Filmreihe und Ticketbestellungen:
https://www.filmarchiv.at/program/retrospective/leading-ladies-of-silent-cinema/
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Anlässlich dieser Veranstaltung möchten wir Sie auf zwei unserer SYNEMA-Publikationen aufmerksam machen, in denen weibliches Filmschaffen der goldenen Frühzeit des Kinos im Mittelpunkt steht:

Claudia Preschl
LACHENDE KÖRPER. KOMIKERINNEN IM KINO DER 1910ER JAHRE
Band 8 der FilmmuseumSynemaPublikationen
Das Buch, ein herzhaftes Vergnügen, bietet eine Wiederentdeckung des Frühen Kinos, in dem Frauen auf der Leinwand wie im Publikum eine prominente Rolle spielten. In diesem stilistisch prägnanten und emotional sehr direkten „anderen Kino“ verlockten die Komikerinnen mit grotesker Vielfalt, körperlichen Überschreitungen und rebellischer Anarchie. Ein Fundus, der uns heute aufschlussreiche Betrachtungen zu Geschlechterverhältnissen, sozialpolitischen Umwälzungen, Machtstrukturen und Handlungskonzepten ermöglicht.

GERMAINE DULAC – Der Film ist ein weit auf das Leben geöffnetes Auge
Redaktion: Heide Schlüpmann, Brigitte Mayr
48 Seiten, Fotos. ISBN 978-3-901644-72-6.
Synema-Publikationen (Wien), Preis: € 10.-
Germaine Dulac (1882–1942) war eine beeindruckende Frau: als Regisseurin, Filmtheoretikerin, Kinoaktivistin und Feministin wie auch als Künstlerin an der Schnittstelle von Theorie/Praxis, Bild/Sprache, Ästhetik/sozialem Engagement. Herzstück dieser Broschüre sind fünf von Dulacs wichtigsten Texten, die „reflektieren und in Worte fassen, was die Filmemacherin in all ihren Filmen versuchte: einzutreten für die Möglichkeiten, die die Entwicklung der Filmtechnik eröffnete“ (Heide Schlüpmann). Ergänzt werden die theoretischen Schriften durch eine biografische Notiz zu Germaine Dulac und eine kommentierte Filmografie ihrer Arbeiten für das Kino von 1916 bis 1936.
LACHENDE KÖRPER. 208 Seiten, 80 Fotos. ISBN 978-3-901644-27-6
Synema-Publikationen (Wien), Preis: € 20.-
GERMAINE DULAC. 48 Seiten, Fotos. ISBN 978-3-901644-72-6.
Synema-Publikationen (Wien), Preis: € 10.-
Im stationären Buchhandel oder gerne direkt zu bestellen bei: office[at]synema.at
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!! Wir danken unseren Kollegen Oliver Hanley und Philipp Stiasny, die mit großem Engagement und in akribischer Recherchearbeit unermüdlich versuchen, Anregungen zu geben, um Ellen Richters Filme in Archiven (wieder) zu entdecken, zu restaurieren und ihre Forschungs-Ergebnisse mit SYNEMA und einer großen interessierten Community teilen, um der leider und unverständlicherweise in Vergessenheit geratenen außergewöhnlichen ELLEN RICHTER und dem filmischen Werk dieser Frau ein kontinuierliches Podium zu bieten und damit dem endgültigen „Aus-dem-Gedächtnis-Verlieren“ entgegenzuwirken. !!
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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – von der Sektion IV: Kunst und Kultur / Abt. 3: Film des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport – geförderte Institution.
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