JULIEN DUVIVIER – Virtuoses Kinohandwerk (SYNEMA-Buch) + Meister des poetischen Pessimismus (FILMMUSEUM-Retrospektive)


Mit großer Freude möchten wir Sie auf die am 15. Mai 2024  im Österreichischen Filmmuseum beginnende und bis 1. Juli 2024 dauernde Retrospektive von Julien Duvivier *) aufmerksam machen, zu der als portativer Katalog bei SYNEMA die Publikation „Virtuoses Kinohandwerk“ erschienen ist, herausgegeben von den Kuratoren Ralph Eue und Frederik Lang, in der Überblickstexte neben Vertiefungen zu einzelnen Filmen gestellt und um zeitgenössische Fundstücke ergänzt sind und die als Hommage erstmals in größerem Umfang das Werk Duviviers würdigt.

DIE RETROSPEKTIVE:

Julien Duvivier
Meister des poetischen Pessimismus

15. Mai bis 1. Juli 2024

Österreichisches Filmmuseum in Kooperation

mit dem Institut français d’Autriche und SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien.

26 erstklassige Filme von Julien Duvivier haben die Kuratoren Ralph Eue und Frederik Lang ausgesucht, die das Herzstück der Retrospektive des Filmmuseums bilden und mit der über die nächsten Wochen den „Meister eines poetischen Pessimismus“ erstmals in Österreich gewürdigt wird. Duvivier (1896–1967) etablierte sich schon zu Stummfilmzeiten als ein herausragender Regisseur seiner Epoche und schuf in fünf Jahrzehnten bis zu seinem Tod ein außergewöhnliches Œuvre.

Sein berühmter Kollege Jean Renoir beklagte 1967 in einem Nachruf auf Duvivier den Tod eines „Fachmanns der Filmkunst“. Renoir gehört heute zu den kanonisierten Regisseuren der globalen Filmgeschichte, Julien Duvivier nicht. Warum ist das so? Duviviers Filme wurden oft als finster oder pessimistisch charakterisiert und der Künstler dahinter als arbeitswütiger Berserker oder verschlossener Skeptiker. Insofern taugten Duvivier und seine Filme immer gut als Gegenpart zu den lichttrunkenen und wimmelnde Unerschöpflichkeit ausstrahlenden Filmen Renoirs. Wären sie Kirchenmänner statt Filmemacher, so würde man Duvivier vielleicht als unnachgiebigen Franziskaner bezeichnen, Renoir dagegen als versöhnlichen Augustiner.

Im Gegensatz zu Renoir wies Duvivier es immer von sich, ein Auteur zu sein. Filmemachen war für ihn ein Handwerk, ein anspruchsvolles, aber erlernbares Handwerk. Sein Sinn für Präzision wurde von Kollegen und Zeitgenossen immer wieder gerühmt, ebenso seine Fähigkeit, etablierten Stars wie Danielle Darrieux oder Jean Gabin ebenso herausragende Darstellungen zu entlocken wie Brigitte Auber oder Jean-Pierre Léaud, die erst am Anfang ihrer Karriere standen.

Duvivier lebte Film, oder wie Elke Seel-Viandon über die Arbeit ihre Mannes Robert Vernay berichtet, der in den 1930ern Regieassistent bei vielen seiner Filme war: „Zehn Jahre Assistenz bei Duvivier hatte zwei Folgen. Die erste: Man lernte wirklich sein Metier von Grund auf. Und die zweite: Man lernte leiden, ohne zu klagen.“

Duviviers Werk reicht von ernsten Krimis wie den beiden Simenon-Verfilmungen La tête d’un homme (1933) und Panique (1947) bis zu übermütigen Komödien wie La fête à Henriette (1952) oder dem zeitlosen Klassiker Le petit monde de Don Camillo (1952); von sensiblen Kindheitserzählungen wie Poil de carotte (1925 als Stumm-, 1932 als Tonfilm) oder Boulevard (1960) bis zu melancholischen Lebensbetrachtungen wie La belle equipe (1936) oder La fin du jour (1939); von düsteren Dramen wie David Golder (1931) oder Au royaume des cieux (1949) bis zu Episodenfilmen wie Un carnet de bal (1937) oder Lydia (1941), die ihr jeweiliges Thema mit leichter Hand durchdeklinieren; von bildgewaltigen Hommagen an frühere Kinoepochen wie Le mystère de la tour Eiffel (1928) oder La charrette fantôme (1940) bis zu kompromisslos experimentellen Passagen in Werken, die sich eigentlich dem klassischen Erzählkino verschrieben haben wie Allô Berlin ? Ici Paris ! (1932) oder Sous le ciel de Paris coule la Seine (1951) – und manchmal wechselte der Tonfall seines Werks gar innerhalb eines Jahres von einem Film zum nächsten.

Duvivier drehte in Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei und den USA, ebenso in der Weimarer Republik wie in der Bundesrepublik. Was ihm in den Filmindustrien der Länder, in denen er arbeitete, Respekt und Hochachtung einbrachte, trug im Umkehrschluss dazu bei, dass Publikum und Kritik ihn im Verlauf seiner Karriere nicht mehr einordnen konnten. Mitunter schien er sich dem Trend zum Markenzeichen – wie etwa Alfred Hitchcock (im Genre des Kriminalfilms) oder Billy Wilder (in der Komödie) – regelrecht zu verweigern. Und auch, dass man ihn aus genau diesen Gründen eher als Filmhandwerker und Routinier ansah, denn als Filmkünstler schien den Mann nicht besonders zu tangieren – nur dass er dabei irgendwie durch die Raster der Filmgeschichte fiel.

Übersehen wird dabei die Vielgestaltigkeit von Duviviers Werk, der aus dem Geiste des poetischen Realismus eine sich von Film zu Film komplexer entwickelnde Sicht der Welt entwarf, in die immer wieder jähe Gewalt einbrechen kann und in der dennoch oft ein humanistischer Funken Hoffnung bleibt. Die Abgründe der menschlichen Natur interessierten ihn mehr als ihr Liebreiz. Der Mensch als Einzelner kann gut sein, als Meute wird er fast immer bösartig. Christliche Symbolik ist oft präsent, aber das Christentum bietet keine Erlösung für das Seelenheil. Solidarität und Freundschaft können dies ermöglichen, sich aber ebenso als Illusion erweisen. Und doch ist in den fast 70 Filmen Duviviers selten Verbitterung zu spüren. (Ralph Eue, Frederik Lang)

15. Mai bis 1. Juli 2024

Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstraße 1, 1010 Wien

Mit Einführungen zu ausgewählten Filmen von Ralph Eue, Christoph Huber, Frederik Lang, Brigitte Mayr und Michael Omasta.

DAS PROGRAMM:

Poil de carotte (Karottenkopf) – 1932, Julien Duvivier, 85 min.
Mi, 15.5.2024 18:00 + Mo, 10.6.2024 20:30
Begrüßung durch Ralph Eue und Frederik Lang am 15.5.

La belle équipe (Zünftige Bande) – 1936, Julien Duvivier, 101 min
Mi, 15.5.2024 20:30 + Mi, 5.6.2024 18:00
Einführung Ralph Eue am 15.5.

David Golder – 1931, Julien Duvivier, 95 min
Do, 16.5.2024 18:00
Einführung Frederik Lang

Au royaume des cieux (Eine Heilige unter Sünderinnen) – 1949, Julien Duvivier, 108 min
Do, 16.5.2024 20:30 + Di, 4.6.2024 20:30
Einführung Frederik Lang am 16.5.

Sous le ciel de Paris coule la Seine (Unter dem Himmel von Paris) – 1951, Julien Duvivier, 98 min
Fr, 17.5.2024 18:00 + So, 9.6.2024 18:00
Einführung Ralph Eue am 17.5.

Le mystère de la tour Eiffel (Das Geheimnis des Eiffelturms) – 1928, Julien Duvivier, 129 min
Fr, 17.5.2024 20:30 + Di, 11.6.2024 18:00
Am Klavier: Gerhard Gruber / Einführung Frederik Lang am 17.5.

La tête d’un homme (Der Kopf eines Mannes) – 1933, Julien Duvivier, 90 min Sa, 18.5.2024 18:00 + Fr, 21.6.2024 20:30
Einführung Michael Omasta am 18.5.

Voici le temps des assassins … (Der Engel, der ein Teufel war) – 1956, Julien Duvivier, 114 min
Sa, 18.5.2024 20:30 + Mi, 26.6.2024 20:30
Einführung Christoph Huber am 18.5.

Les cinq Gentlemen maudits (Die fünf verfluchten Gentlemen) – 1931, Julien Duvivier, 91 min
Mo, 20.5.2024 20:30 + Di, 18.6.2024 18:00

Marie-Octobre – 1959, Julien Duvivier, 95 min
Di, 21.5.2024 18:00 + Mi, 19.6.2024 20:30
Einführung Brigitte Mayr am 21.5.

Au Bonheur des Dames (Das Paradies der Damen) – 1930, Julien Duvivier, 90 min
Mi, 22.5.2024 20:30
Einführung Michael Omasta

Golgotha (Das Kreuz von Golgotha) – 1936, Julien Duvivier, 95 min
Do, 23.5.2024 18:00 + So, 23.6.2024 18:00
Einführung Christoph Huber am 23.5.

Allô Berlin ? Ici Paris ! / Hallo hallo! Hier spricht Berlin – 1932, Julien Duvivier, 89 min
Fr, 24.5.2024 18:00 + Mo, 17.6.2024 20:30
Einführung Brigitte Mayr am 24.5.

Pépé le Moko (Im Dunkel von Algier) – 1937, Julien Duvivier, 94 min
Fr, 24.5.2024 20:30 + Sa, 29.6.2024 18:00

Un carnet de bal (Spiel der Erinnerung) – 1937, Julien Duvivier, 132 min
Sa, 25.5.2024 18:00 + Do, 20.6.2024 18:00
Einführung Christoph Huber am 25.5.

Lydia – 1941, Julien Duvivier, 104 min
Sa, 25.5.2024 20:30
Einführung Brigitte Mayr

Le petit monde de Don Camillo (Don Camillo und Peppone) – 1952, Julien Duvivier, 105 min
So, 26.5.2024 18:00 + Sa, 22.6.2024 20:30
Einführung Christoph Huber am 25.5.

Marianne, meine Jugendliebe – 1955, Julien Duvivier, 108 min
Mo, 27.5.2024 18:00 + Fr, 28.6.2024 20:30
Einführung Christoph Huber am 27.5.

La fin du jour (Lebensabend) – 1939, Julien Duvivier, 107 min
Di, 28.5.2024 20:30 + So, 23.6.2024 20:30

L’affaire Maurizius (Der Fall Maurizius) – 1954, Julien Duvivier, 110 min
Mi, 29.5.2024 20:30 + Di, 25.6.2024 18:00
Einführung Michael Omasta am 29.5.

La fête à Henriette (Auf den Straßen von Paris) – 1952, Julien Duvivier, 114 min
Do, 30.5.2024 20:30 + So, 9.6.2024 20:30

Panique (Panik) – 1946, Julien Duvivier, 98 min
Fr, 31.5.2024 20:30 + Fr, 21.6.2024 18:00
Einführung Christoph Huber am 31.5.

Boulevard (Lichter von Paris) – 1960, Julien Duvivier, 94 min
Sa, 1.6.2024 18:00 + Mo, 1.7.2024 20:30

The Great Waltz – 1938, Julien Duvivier, 104 min
Sa, 1.6.2024 20:30 + Do, 27.6.2024 18:00

La charrette fantôme (Der Geisterwagen) – 1939, Julien Duvivier, 91 min
So, 2.6.2024 20:30 + So, 30.6.2024 18:00

Poil de carotte (Karottenkopf) – 1925, Julien Duvivier, 109 min
Mo, 10.6.2024 18:00

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Filmen und Ticketbestellungen unter dem Punkt „Programm“:

https://www.filmmuseum.at/jart/prj3/filmmuseum/main.jart?rel=de&reserve-mode=active&content-id=1216720898687&schienen_id=1712627434668&anzeige

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Begleitend ist 2023 bei SYNEMA (Wien) die Publikation Julien Duvivier. Virtuoses Kinohandwerk erschienen, herausgegeben von Ralph Eue und Frederik Lang. Mit Beiträgen von Dominik Graf, Heike Klapdor, Gerhard Midding, Ben McCann, Peter Nau, Marie Epstein und den Herausgebern sowie einer kommentierten Auswahlfilmografie

DAS BUCH:

SYNEMA Publikationen (Wien) 2023.
Broschur, 112 Seiten, 70 Fotos in Farbe und Schwarzweiß, in deutscher Sprache
ISBN 978-3-901644-91-7, Preis: € 16.-

Im stationären Buchhandel und an der Kinokassa erhältlich oder Bestellungen gerne auch direkt bei: office[at]synema.at

Mehr zum Buch unter: https://vwgoe.at/herausgaben/julien-duvivier-virtuoses-kinohandwerk/ 

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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, Sektion IV: Kunst und Kultur/Abt. 3: Film – geförderte Institution.