Implikationen für eine postmortale Fortexistenz
Referent:
Prof. Dr. Humberto Schubert Coelho, Juiz de Fora / MG, Brasilien, dzt. philosophisch-Theologische Hochschule Brixen
Die enge Beziehung zwischen Gehirn und Bewußtsein ist eine Tatsache, die bereits im Alltagsleben bekannt ist. Nun gibt es aber — eingeschränkt auf spezifische Situationen — Phänomene, die diese Beziehung in Frage stellen. Bei Terminaler Geistesklarheit kehrt bei Personen, die aufgrund struktureller Schäden ihres Gehirns dement oder gar komatös und nicht ansprechbar sind, kurz vor dem Tod die Klarheit des Bewußtseins und die Möglichkeit zu Interaktion mit der Umwelt wieder zurück. In Fällen von Außerkörperlicher Erfahrung — gleich, ob spontan oder willkürlich oder eingebettet in den Rahmen von Todesnähe-Erfahrungen — fühlt sich der Erlebende bei vollem Bewußtsein außerhalb seines physischen Körpers, den er „von außen“ wahrnimmt, wie er auch die Umwelt wahrnimmt. Bei Fällen von Reinkarnation treten, zumeist im Kindesalter, spontan Bruchstücke von Erinnerungen an das, was eine andere, bereits verstorbene Person erlebt hat, auf, vielfach auch mit physischen Markierungen. All diese Phänomene weisen auf eine gewisse Unabhängigkeit des Bewußtseins vom physischen Substrat hin, was die logische Voraussetzung für das Konzept ist, daß es eine — irgendwie geartete — Fortexistenz nach dem Tod gibt oder geben könnte.
Auch die postulierten Kontakte mit Verstorbenen, die in irgendeiner Art von „Jenseits“ weiter existieren, gehören hierher.
Ohne allzu weit in die Geschichte zurückzugehen, wurden sie z.B. in der Zeit der Romantik thematisiert, als die Somnambulen Exkursionen ins Jenseits machten (Somnambulismus als ein Veränderter Bewußtseinszustand gemäß Marquis de Puységur, der dem Animalen Magnetismus Franz Anton Mesmers eine neue Richtung gegeben hat). Mit dem Entstehen des Spiritismus in den USA im Jahr 1848 kehrt sich die Sache um, nicht die Somnambulen suchen das Jenseits auf, sondern die (postulierten) Geister der Verstorbenen machen sich im Diesseits bemerkbar, zumeist durch „Medien“ (Mittelspersonen), durch welche sie sich verbal oder schriftlich oder in noch anderer Weise äußern. Hier tut sich also ein Bewußtsein kund, das nicht das des Mediums ist. 1850/51 erreichte dieser (US-amerikanische) Spiritismus auch Europa und breitete sich hier schnell aus. 1857 entstand in Frankreich ein modifizierter Spritismus, der nach seinem Begründer Alain Kardec (Pseudonym für Hippolyte Léon Denizard Rivail) als Kardecismus bezeichnet wird und sich vom anglo-amerikanischen Spiritismus (Spiritualismus) dadurch unterscheidet, daß er zusätzlich zur Jenseitskommunikation durch Medien auch die Reinkarnationslehre in sein System integriert. Der Kardecismus ist in Europa im Wesentlichen auf frankophone Länder beschränkt, hingegen ist er in Südamerika weit verbreitet. Ernst Benz sprach von einigen Hundert Millionen Anhängern; eine besondere Hochburg dieser Lehre ist Brasilien.
Interessanterweise hing die erste spiritistische Gruppe in Wien unter Constantin Delhez (ab ca. 1870) dem Kardecismus an.
Unser Referent, ein (Religions-)Philosoph, hat gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander Moreira-Almeida, einem Psychiater und Parapsychologen, u.a. ein Buch publiziert:
Die Wissenschaft vom Leben nach dem Tod
Springer, 2024
ISBN 978-3-031-54544-3
Original: Science of Life after Death
Bemerkenswert ist, daß ein so angesehener Wissenschaftsverlag wie Springer eine Publikation zum Thema „Leben nach dem Tod“ herausgebracht hat — damit ist eine Brandmauer von Ausgrenzung gefallen.
