In memoriam Peter Patzak (1945-2021): Christoph Fuchs: RECHT UND ORDNUNG oder »COME AND SHOOT IN AUSTRIA« Österreichische KriminalFilmGeschichte(n)


Ein Mensch mit umfangreichstem Film-Wissen

Wir möchten an diesen Regisseur, Autor, Lehrenden an der Filmakademie und Maler mit Auszügen aus unseren Publikationen erinnern zu zwei seiner ikonographischen Werke, der präzisen Porträt-Studie KASSBACH sowie Helmut Zenkers und Patzaks Inspektor KOTTAN

Heinz-B: Heller: Ein ganz normaler Kleinbürger
Peter Patzak: KASSBACH – EIN PORTRÄT (Österreich 1979) *)

So liefert „Kassbach“ tatsächlich weniger einen Erklärungsrahmen für das neofaschistische „Ganze“, als vielmehr ein „singuläres Porträt“, wie schon der Untertitel des Films verheißt: ein Personalporträt freilich, das wesentliche Züge zu einer psychologischen Studie des kleinbürgerlich-faschistischen Charakters verdichtet und in einem zeitgenössischen Kontext verortet. Lebensgeschichte Bezüge zum Faschismus im Dritten Reich, die den Mittfünfziger Karl Kassbach als Alt-Nazi erscheinen lassen würden, werden nur einmal zeichenhaft evoziert. Weitaus bedeutungsvoller erscheinen vielmehr bestimmte psychosoziale Beschädigungen, die Kassbach im Verlauf seiner Biographie erfahren hat und die er unreflektiert mit der „Normalität“ seiner kleinbürgerlichen Existenz zu vermitteln versucht. […]

Beklemmend wirkt der Film auch deshalb, weil der Schauspieler Walter Kohut es brillant versteht, die in der Figur angelegten Widersprüche verbal und körpersprachlich eindrucksvoll zum Ausdruck zu bringen – überformt von einem geradezu zwanghaften, semantisch signifikanten Ordnungswillen, der allerdings oft nicht verfängt. So wird die gestanzte Syntax seiner Weltanschauungen, die sich keine Abschweifungen, Begründungen oder Zweifel gestattet, oft genug unterlaufen von einer verräterischen Körpergestik der Verklemmtheit und Unbeholfenheit. […]

„Kassbach“ hat seinen filmgeschichtlichen Ort in einer Tradition des engagierten deutschsprachigen Nachkriegsfilms, die – im Unterschied zu französischen, italienischen und US-amerikanischen Entwicklung – auf nur schwachen Füßen stand. Die Thematisierung aktueller politischer Tendenzen, zumal des anwachsenden Neofaschismus, stellte eher die Ausnahme dar. Doch anders als Filme wie Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) oder Reinhard Hauffs „Messer im Kopf“ (1978), die ihre Bestandsaufnahme explizit vor dem Hintergrund der „Rechts-Links“-Polarisierung in der BRD modellierten, setzt „Kassbach“ vor allem auf die Introspektion der Rechten. Diese perspektivische Verengung bedeutet zugleich einen erkenntnisreichen Gewinn: Daß ein Mann wie Kassbach im Schutz kleinbürgerlicher Normalität weiterleben kann, so als sei nichts gewesen, das ist – auch heute noch – das Verstörende an dem Film.

Kapitel 11: Realistische Spießer oder »Inspektor gibt’s kan!«
KOTTAN ERMITTELT & DEN TÜCHTIGEN GEHÖRT DIE WELT **)

Der KOTTAN-Code – so möchte man neudeutsch sagen – verinnerlicht ein schlaues Konzept, indem er den Austausch der Hauptfigur mitdenkt und somit einen mehrmaligen Typenwechsel probiert. Der rabiate Spießer, den Peter Vogel spielte, war Realität und Protest zugleich. Der Grant war nicht mehr aus der Wiener Schmäh-Fabrik, sondern entstammt aus der bitteren Wirklichkeit des durchschnittlichen Kleinbürgers. Die einzige Milde, die uns Patzak/Zenker gestatten, ist der musikalische Kommentar von Georg Danzer in der ersten Folge: Des kaun do no ned ollas gwesen sein.

Der Wechsel zu Franz Buchrieser machte aus dem grantigen Spießer einen Melancholiker, der eher introvertiert, ja manchmal versonnen tut, was er tun muss. Immer ist da dieser Tagtraum zu spüren, auszubrechen, wunderbar in der Szene in DROHBRIEFE (ORF, 27.9.1979), als der Buchrieser-Kottan dem nackten Gauner im Superman-Kostüm gegenübersteht und cool die Situation bestimmt. Einmal Superman sein. Natürlich ist das Klamauk, aber nicht nur. Der Ermittler von der traurigen Gestalt, zu Beginn belachter Trottel auf dem TV-Schirm, wird zum resignativen Anti-Helden in einer Welt, deren Regeln und Werte durcheinandergeraten sind, ja sich sogar in der Schlusseinstellung in einem österreichischen Atlantis als Untergangssymbol aufheben. […]

Der amerikanische Killer in Patzaks Kinofilm DEN TÜCHTIGEN GEHÖRT DIE WELT – einer Parabel aus 1980 über das klassische politisch protegierte Wirtschaftsverbrechen – kommt am Flughafen Schwechat an und ist überrascht über die vermeintliche Einladung des groß plakatierten »Come and shoot in Austria«. In der Tat, das ist sein Job, vielleicht auch ein Missverständnis, gemeint ist vielleicht nicht der Killer, sondern der Regisseur, bedeutet »shoot« ja nicht nur »schießen«. Also: »Komm und filme in Österreich!«

Da wirkt es wie ein Trost, wenn Lukas Resetarits, der Darsteller des tragischen Ludwig Haumer, ab RÄUBER UND GENDARM (ORF, 30.10.1980), der sechsten Folge von KOTTAN ERMITTELT, Franz Buchrieser in der Titelrolle ablöst und gleich von einem Killer auf dem Naschmarkt erschossen wird – pardon, worden wäre, wenn nicht die runde Polizeikokarde den präzisen Todesschuss abgehalten hätte – ist ja nur Film.

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*) DER NEUE ÖSTERREICHISCHE FILM
Herausgegeben von Gottfried Schlemmer
Wien 1996, 400 Seiten, zahlr. Abb., € 25,–

Die einzige kritische Bestandsaufnahme des österreichischen Filmwunders in 32 Essays. Autorinnen* wie etwa Elisabeth Büttner, Stefan Grissemann, Dietrich Kuhlbrodt, Claus Philipp, Bert Rebhandl, Isabella Reicher, Hans J. Wulff, Michael Omasta, Yvonne Spielmann, Georg Seesslen oder Peter Tscherkassky stellen ausgewählte Werke von Niki List bis Michael Haneke, Houchang Allahyari bis Wolfgang Murnberger und Valie Export bis Peter Patzak vor: darunter Klassiker wie Kassbach, Die Ausgesperrten, Karambolage, Welcome in Vienna, Müllers Büro, Ich gelobe, Hasenjagd oder 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls

**) Christoph Fuchs
RECHT UND ORDNUNG oder »COME AND SHOOT IN AUSTRIA«
Österreichische KriminalFilmGeschichte(n)
SYNEMA Publikationen (Wien) 2010, 304 Seiten, 90 Fotos, € 25.-

Das vorliegende Buch bietet einen Streifzug durch das KrimiKino Österreichs mit seinen unterschiedlichen Subgenres, vom Eifersuchtsdrama zum Revuekrimi, vom Agentenfilm zum klassischen Whodunit. Die Geschichte dieser Geschichten lädt ein zu einem bunten Panoptikum, das sich selbst als Beitrag zu einer fortlaufenden Zeitgeschichtsforschung versteht.

Mit Texten zu Komm, süßer Tod; Silentium, Der Knochenmann, Mann im Schatten, Den Tüchtigen gehört die Welt, Der Weibsteufel, Flucht ins Schilf, Revanche, Die fremde, Orlac’s Hände, Öl ins Feuer, Schatten der Vergangenheit, Ich bin Sebastian Ott, Premiere, Lambert fühlt sich bedroht, Zyankali, Prämien auf den Tod, Abenteuer in Wien, Suzie Washington, Müllers Büro, Kurzer Prozess, Kottan ermittelt, Himmel, Polt und Hölle; Fegefeuer, Geißel des Fleisches, Angst, Die Ausgesperrten, Funny Games u.v.a. sowie Cast and Credits zu den Filmen des österreichischen KrimiKinos.

Wir freuen uns über Ihr Interesse und nehmen gerne Ihre Bestellungen entgegen unter: office [at] synema.at

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SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien ist eine – von der Sektion IV: Kunst und Kultur / Abt. 3: Film des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport – geförderte Institution.

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