Robert König: Individuum est ineffabile. Oder: Ist Besitz ein Grundrecht?


„Das Individuum ist nicht zu fassen.“ heißt seit der Antike ein Grundsatz der Logik und Erkenntnistheorie. Er besagt, dass jedweder Denk- und Sprachanspruch immer auf dem Feld allgemeiner Begriffe stehen bleiben muss, und niemals bis zum tatsächlich besprochenen oder bedachten Individuum vordringt.
Was hat „Individuum es ineffabile.“ mit der Frage nach dem Besitz zu tun? Die Abstraktion, die jenem Grundsatz meist unterstellt wird, bringt im Zusammenhang mit Besitz- und Eigentumsansprüchen ein gewöhnlich unter- oder unbelichtetes Problem mit sich. Man kann vielleicht mit genügend logischer Übung schon früh recht gut die täglichen Dinge des Lebens voneinander unterscheiden. So behaupten wir wie selbstverständlich, dass dieses ein Haus, jenes ein Auto, das hier ein Computer, das dort eine Wasserflasche sei. Konzepte solcher Dinge geben uns im Alltag kaum Rätsel auf. Allerdings geschieht üblicherweise im Geflecht der Propositionen über die Gegenstände des Lebens häufig ein Überstieg, dessen Logik alles Andere als selbsterklärend ist, wiewohl er so genommen wird: Es ist keine Schwierigkeit, Häuser von Autos, ja Häuser von Häusern zu unterscheiden. „Dies ist ein Haus.“, „Dies ist ebenfalls ein Haus.“ – Kein großer Zauber, denn der allgemeine Begriff des Hauses scheint auf sie alle zuzutreffen.
Dann aber steht plötzlich einer auf und sagt: „Dies ist mein Haus, und keine anderes.“ Besitz beansprucht offenkundig, dass dieses Einzelne von allen anderen unterschieden ist. Er beansprucht etwas als ausgezeichnetes Individuum. Wenn nun das Individuum tatsächlich ineffabile ist, wie kann jemand den Besitz eines solchen Individuums für sich behaupten?
Bevor also gefragt werden kann, ob Besitz ein Grundrecht ist oder nicht, ist zu klären, wie es überhaupt möglich ist, Besitz zu beanspruchen. Also: Ist Besitz fassbar? Wenn sich ein derartiges Problem allerdings in dieselben Fallstricke verfängt, wie sein logischer Bruder, dann lassen sich daraus auch für gegenwärtige Begriffe von Besitz und Eigentum teilweise vernichtende Konsequenzen ziehen.

Die hierauf zu stellende Frage des Grundrechts steht in genau der angezeigten Spannung. Grundrechte behaupten, eine Allgemeingültigkeit zu haben. Wie kann man aber Allgemeines mit dem möglicherweise unfassbaren Individuum des Besitzes in Einklang bringen? Wie kann jemand in anderen Worten überhaupt ein Recht auf etwas haben wollen, das sich vielleicht jeder Erkenntnisleistung entzieht? Wenn trotz fehlender Erkenntnis ein solches Recht postuliert wird, erscheint das nächste Problem in der Frage, ob die Gültigkeit von so etwas wie Grundrecht nicht anders gedacht werden muss, als herkömmliche Rechte, von denen behauptet wird, sie seien nachvollziehbar, verstehbar und am Ende auch einforderbar. Darüber
hinaus muss man darüber nachdenken, was die Gegenstände eines solch alternativ zu begreifenden Grundrechtes sein könnten. Sind es die Individuen, wie mein Haus, oder etwas Anderes, und habe ich auf mein Haus womöglich gar kein Recht? Und wie sieht es mit dem Subjekt des Besitzes aus, dem Besitzer? Er versteht sich gerade im Eigentumsverhältnis zu einem anderen Individuum selbst erst als Individuum. So entsteht ein Selbstverständnis von „Ich bin, was ich habe.“, das als eine grundlegende (Selbst-)Sinngebung der AgentInnen eines kapitalistischen Systems angesehen werden darf. Ist daher von der Einsicht „Individuum est ineffabile.“ auch ein kapitalistisches Selbstverständnis aufzuweichen oder gar ad absurdum zu führen? Und welcher Zusammenhang zwischen Besitz/Eigentum und Identität ließe sich stattdessen behaupten?

Solche und weitere Fragen lassen sich dann formulieren, wenn Besitz und Grundrecht nicht nur als soziale oder ethische Aufgaben, sondern als selbst begründet in fundamentalen logischen Problemen aufgefasst werden. Ein derartiger Zugang lässt hierauf auch für die Sozialethik wichtige Konsequenzen zu.